Ne 4 in Mathe, ’ne 1 in Glück – Köln begrüßt ein neues Schulfach

So, Köln hat nach einigem Zögern also verstanden, dass wir hier bedeutend mehr Schulplätze brauchen; Sechs neue Schulen starten diesen Herbst. Das ist schon mal ein deutlicher Gewinn – aber haben wir im Jahr 2024 auch endlich verstanden, was eigentlich inhaltlich sinnvoll wäre? Kurz gesagt: NEIN. Die Lehrpläne sind gefühlt von 1912 (…Ich befürchte, sie sind es größtenteils tatsächlich), das kann nicht richtig sein. Irgendwie ist die Welt ja eine etwas andere inzwischen.

Doch zum Glück kann ich hier direkt ein lautstarkes ABER einwerfen:

Es tut sich was! Erfreulicherweise setzen sich inzwischen einige Lehrkräfte dafür ein, der nächsten Generation ein paar wirklich wichtige Lifeskills zu vermitteln. Zum Beispiel ab Herbst an der Gesamtschule Ossendorf, deren kommissarische Schulleiterin Birgit Specht-Selle (hier im Bild mit dem stellvertretenden Schulleiter Hr. Dillmann vor der entstehenden Schule) ein paar inspirierende Gedanken und Hintergründe zur Sache geteilt hat:

Liebe Frau Specht-Selle…

An Ihrer Schule soll das Fach Glück fester Bestandteil des Stundenplans sein. – Wie kommt’s?

Schule ist ja mehr als ein Lernort für Mathe, Deutsch und Englisch. Die Kinder sind mit ihren Emotionen, ihren Persönlichkeiten und ihren individuellen Talenten bei uns, diese spielen aber oft keine Rolle. Wenn, dann häufig defizitär orientiert, im Sinne von Konfliktorientierung, Problemorientierung. Der Fokus beim Fach Glück, das man auch Resilienz nennen könnte, liegt entgegengesetzt – auf der Bewusstwerdung unserer vorhandenen Stärken, auf Dingen, die uns guttun und stärken in unserer Resilienz. Viele antworten auf die Frage, was der Sinn des Lebens ist, glücklich zu sein. Aber Glück kann man lernen, indem man sich bewusst macht, was dazu beiträgt, mich gut zu fühlen.

Gibt es Glück als Schulfach bereits an deutschen Schulen oder ist diese Idee ein komplettes Novum?

Grundschulen im Aachener Raum haben dieses Fach etabliert, auch einige Hauptschulen. Oft ist es das Engagement einzelner Lehrer*innen, die sich dafür einsetzen. Es gibt aber auch Gesamtschulen, die dieses Unterrichtsangebot oder Förderangebot etabliert haben, die Gesamtschule Voerde zum Beispiel.

Welche Inhalte bzw. Fragestellungen sollen Inhalt dieses Faches sein und mit welcher Zielsetzung?

Wie oben schon gesagt – es geht um die Hinführung zu einem stärkeren Fokus unserer Gedanken darauf, was uns glücklich macht. Bei einer Fortbildung z. B. haben wir alle ein Jutesäckchen und getrocknete Bohnen bekommen, unseren Glücksspeicher. Für jeden Glücksmoment, den wir am Tag erlebt haben, soll eine Bohne hineinwandern. Schon durch so eine einfache Übung wandert der Fokus stärker auf das „Beglückende“, auf uns stärkende, positive Emotionen. Das klingt einfacher als es ist, denn wir sind sehr darin geübt, negativ zu denken und das Negative in Erinnerung zu halten.

Wer wird das Fach unterrichten; existieren spezielle Weiterbildungen, die hierzu befähigen oder gibt es womöglich bereits Kolleg*innen, die Glück auf Lehramt studiert haben?

Es gibt Ausbildungsmöglichkeiten und Weiterbildungsmöglichkeiten, Fritz Schubert z. B. gilt als Pionier der Glückserziehung und -Forschung, in Aachen stellt Malaika e. V. ein Fortbildungsangebot, das von Workshops über eine einjährige modulare Ausbildung reicht. Viele Kolleg*innen, die sich für unsere Schule als Lehrkräfte bewerben, bekunden schon jetzt ihr Interesse an einer Fortbildung für dieses Fach.

Damit alle diesen Spirit weitertragen können, werden wir zu Beginn des Jahres Experten von Malaika einladen zu einer Kollegiumsfortbildung.

Man fragt sich natürlich: Fällt dafür ein anderes Fach weg bzw. wie wird das neue Fach in den Stundenplan integriert?

Wir wollen ganz bewusst eine Ausweisung im Stundenplan, nicht die Beschränkung auf eine AG, die man wählen kann. Denn dann käme nur eine Kleingruppe in den Genuss dieser Erfahrung. Dieser „Unterricht“ wird natürlich nicht bewertet und speist sich aus dem Ganztagszuschlag. Es fällt also nichts dafür aus oder weg.

Die moderne Welt hält ganz andere Herausforderungen für Kinder und Heranwachsende bereit als noch für 50 Jahren: Welche weiteren Fächer bzw. festen Unterrichtsinhalte hielten Sie bzw. ihr Kollegium für sinnvoll?

Die Unesco spricht von diesen 4 Säulen der Bildung:

  1. Lernen, Wissen zu erwerben
  2. Lernen zusammen zu leben
  3. Lernen zu handeln
  4. Lernen zu sein ( = Lernen für das Leben)

Diese bilden wir hoffentlich in unseren Lernformaten ab: Lernbüro, Werkstätten, Projekte und das Fach Glück.  Zudem wollen wir 3 x die Woche im Rahmen der Lernbüros Coaching etablieren, d. h. anders als beim „herkömmlichen“ Schulsystem, in dem oft nur vor oder an Elternsprechtagen die Lernerfolge und -Prozesse der Kinder betrachtet werden, soll dies als begleitende Struktur etabliert werden. Und das nicht defizitorientiert, sondern ressourcenorientiert. Jedes Kind hat Talente und diese zu fördern, ist ein die Persönlichkeit stärkender Ansatz, der weggeht von der Fokussierung auf Defizite, die mit viel Mühe ausgeglichen werden sollen.

Die 4 als für Lernende im 21 Jahrhundert besonders bedeutsamen Kompetenzen – Kollaboration, Kooperation, kritisches Denken und Kreativität – hören sich einleuchtend an, aber es fehlt auch hier ein wenig der Fokus auf den Sinn des Lebens; glücklich zu sein. Und das zu werden, zu sein, nicht aufgeschoben als Ziel für irgendwann, sondern im Hier und Jetzt, das ist m. E. ein zentrales übergeordnetes Ziel.

Unser Kollegium, das sich ja erst formiert, hat sicher noch vielfältige, weitere Ideen. Und wenn wir bereit sind, den Ideenreichtum anderer als Bereicherung zu integrieren, sind wir auf einem guten Weg. Dazu gehört für mich auch, dass multiprofessionelle Teams im wahrsten Sinne des Wortes die Entwicklung der Kinder begleiten. Und wir sind Lernbegleiter, also keine Belehrende.

Zudem werden die Folgen des Klimawandels immer sichtbarer – und wir müssen uns viel stärker in unserem Verhalten an den 17 SDGs orientieren, einer Bildung für nachhaltige Entwicklung, im Kleinen beginnen, im Alltag, aber mit dem Bewusstsein, dass den zukünftigen Generationen die Rolle der Changemaker zukommt, die das schaffen (müssen), was wir nicht gut hinbekommen haben.

 

…Ich danke Ihnen ganz herzlich für das Interview und wünsche viel Erfolg und alles Gute für Sie, das Kollegium und alle zukünftigen Schüler*innen!

….Manche schauen ja immer erstmal kritisch auf solche Entwicklungen, da die Angst zu bestehen scheint, dass einfach noch mehr in das Curriculum gepackt würde, der doch für Viele eh schon viel zu voll ist.

Nun, über den generellen Zustand unseres Bildungssystems, unserer Lehrkräfte und unserer Schulen könnte hier ein ellenlanger Abriss erfolgen, aber… don’t get me started! Vieles ist nicht mehr zeitgemäß, anderes war es noch nie – wie dem auch sei: Ich persönlich finde die neuen Schulformen, welche inzwischen erblühen und mehr Wert auf Freiheit, Individualität, Bindung und Gemeinschaft statt Druck und Frontalunterricht wie vor 100 Jahren legen ganz wundervoll und damit einhergehend auch alle Entwicklungen, die wirklich sinnvolle Inhalte in unsere Schulen repektive zu unseren Kindern bringen.

Irgendwo las ich die Idee, „Gerechtigkeit“ zu lehren. Geil. Wenn’s nach mir ginge: Sofort umsetzen! Oder das Fach „Empathie“ – eigentlich angeboren aber in Zeiten von Cyber-Mobbing & Co. scheinbar wieder von Nöten. Ich persönlich würde dringend Genderstudies und Antikapitalismus ab der 1. Klasse empfehlen, aber auf mich hört ja nie jemand. Die großartigen Kolleg*innen von KugelZwei haben noch diverse weitere Vorschläge, zum Beispiel Finanzen, Medienkunde, Nachhaltigkeit/Klima, Mentale Gesundheit, Ernährung oder DIY. …Loooove it!!

We are all part of the solution…

Ich hoffe, ihr findet das Richtige für euch bzw. eure Kinder! All diese Themen kann jede*r sonst natürlich auch selbst weitergeben; wo die eigenen Kenntnisse aufhören, traut euch ruhig, mal Menschen in eurem Umfeld nach ihren zu fragen! Erfahrungsgemäß helfen sie extrem gern! #communitycare 🙂

Deine Julia für Team Walby

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